Montag, 22. Dezember 2014

So, 23.03.2014

Ich kann es kaum glauben – seit Jahren ein Traum, nun Wirklichkeit: mein South West Coast Path Wanderabenteuer hat begonnen! Ich sitze in der Wartehalle des Dortmunder Flughafens und habe mich von meinem Abschiedskommittee bestehend aus Astrid, Birgit, Alex und Pi verabschiedet. Ich krame mein Buch aus meinem zusammenfaltbaren, orangenen Rucksäckchen und beginne zu lesen, denn es dauert noch eine Weile bis der Flieger bereit ist. Ich packe das Buch wieder weg. Es hat keinen Sinn, ich bin viel zu hibbelig und aufgeregt; stattdessen betrachte ich meine Mitreisenden: Paare, Alleinreisende, ganze Familien, Junge, Alte, manche sind offensichtlich Touristen, andere ebenso offensichtlich Geschäftsleute und manche – wer weiß... Was treibt sie alle nach London?

Der Flug ist ruhig und trotz vieler Wolken kann ich immer wieder einen Blick auf die Erde erhaschen. Mal entdecke ich einen großen Fluss, ist es der Rhein? Dann eine Stadt mit viel Wasser, vielleicht Antwerpen? Schiffe, ein riesiger Windpark, dann englische Felder. Ruckelige Landung. Also, dafür hat der Pilot keine Schokolade verdient! Aber immerhin sind wir heile gelandet. Auch mein großer Rucksack findet sich unversehrt auf dem Gepäckband und gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum Busbahnhof. Der Fahrer der Greenline nach Victoria ist guter Dinge und in Plauderlaune, der Verkehr am Sonntagmorgen problemlos und so bin ich bereits kurz vor Mittag mitten in London. No problems so far! Allerdings ist es zum Einchecken noch zu früh. Mein Versuch ‚mal eben‘ meine englische SIM-Karte zu aktivieren misslingt, okay, mitten auf offener Straße war das vielleicht auch nicht die tollste Idee. Nach Harrods finde ich aber auch ohne GPS, muss dann allerdings meinen Rucksack im Stauraum aufgeben, weil er mich nicht in das altehrwürdige Kaufhaus begleiten darf. Ich fühle mich dort auch nicht wirklich wohl, aber in den Food Halls gibt es so leckere Sachen… da gönne ich mir goatcheese and spinach quiche und danish pastry für den Abend sowie einen chocolate scone für sofort und bin froh, als ich wieder draußen bin; dieses Gedränge ist einfach nicht mein Ding. Eaton Square und Eaton Place entlang komme ich zum Hanover Hotel Victoria im St George’s Drive und fühle mich nun wirklich in die Serie ‚Upstairs, Downstairs‘ (Das Haus am Eaton Place) versetzt. Das Haus könnte als Kulisse dienen und mein Zimmer im obersten Stockwerk wäre dann die Kammer des Stubenmädchens, aber es ist sauber und für mich völlig ausreichend.

Mit leichtem Gepäck (Minirucksack in der Westentasche) gehe ich auf Erkundung. Ich liebe London! Auch wenn ich nie lange in einer Großstadt sein mag: ich liebe all die Bauwerke, Denkmäler, die Busse und Taxis, den Fluss, die Brücken, sogar das Menschengewimmel, das ganze Feeling. An der Themse entlang schlendere ich nach Westminster, sage unterwegs der Lady of Shalott in der Tate Gallery guten Tag. Houses of Parliament, Big Ben, Westminster Bridge, Boadicea, die keltische Kriegerin. London Eye, Hungerford Footbridge. Mir kommt in den Sinn, wie schangelig diese Fußgängerbrücke war, als ich sie 1992 zum ersten Mal betrat. Ich war für ein wunderbares Konzert mit Kathleen Battle in der Royal Festival Hall nach London gekommen und dieser schmale, feuchte, unangenehm riechende Steg neben der Eisenbahnbrücke passte so gar nicht zu meiner Konzertstimmung. Nun gibt es eine moderne Fußgängerbrücke auf beiden Seiten der Eisenbahn und die ganze Stadt wirkt modern und überraschend sauber. Natürlich gibt es auch Bettler, aber es scheint mehr Straßenmusiker und Künstler zu geben, die die Straßen bereichern und bunt machen. Aber es gibt Bettler. Ich komme wie so oft in Gewissensnot. Was zwingt Menschen dazu? Haben sie niemanden, keine Familie, keinen Freund, der sich für sie verantwortlich, zuständig fühlt, der sich ihrer annimmt? Ich gehe vorbei. Und kehre dann um, gebe ein Pfund. ‚Thank you for turning back.‘ Er hatte gesehen, dass ich vorbeigegangen war. Und zu Hause? Zugegeben: lange habe ich diesen Gedanken nicht nachgehangen…

Trafalgar Square, Charing Cross. Hallo, Ihre Lordschaft, hoch oben auf der Säule; ein kurzes Gedenken an Edward I und seine Königin Eleanor. Der König trauerte so sehr, dass er ein Kreuz an jedem Ort errichten ließ, an dem ihr Leichnam während der Überführung nach London über Nacht blieb. Charing Cross ist nur eine Replik, aber trotzdem bin ich immer wieder berührt von dem Gedanken, dass ein König im 13. Jahrhundert vielleicht nicht aus Staatsräson sondern aus Liebe geheiratet hat. Oder dass zumindest Liebe daraus wurde. Direkt nebenan: ein Telefonladen von Three. Von der Gesellschaft ist meine störrische SIM, die ich auch im Hotel nicht in Gang bekommen habe. Aber natürlich hat der Laden schon zu. Covent Garden und St Paul’s Church, die Schauspielerkirche – würde ich hier in der Nähe arbeiten wäre der Kirchhof mein Lieblingsplatz für die Mittagspause. Ich bummele den Strand entlang bis zur St Paul’s Cathedral, entdecke Denkmäler, die mir noch nie aufgefallen sind, stoße an der Millennium Bridge wieder auf die Themse, gehe aber nicht hinüber sondern folge dem River Walk zum Tower und den St Katherine’s Docks.

Es dämmert bereits als ich Tower Bridge erreicht habe, aber in London habe ich mich noch nie unsicher gefühlt. Rückweg auf der anderen Flussseite. Southwark Cathedral, Globe Theatre, South Bank Centre: ich bin wieder an der Hungerford Footbridge, habe aber noch nicht genug. Ich wusele ein bisschen zwischen Trafalgar Square, Leicester Square und Piccadilly Circus hin und her bevor ich mich über Whitehall auf den Rückweg zum Hotel mache. In meinem Kämmerchen eröffne ich zum ersten Mal mein Wanderbüro. Die SIM widersetzt sich mir nach wie vor, aber das WLAN funktioniert, ich kann mit Assi und Birgit ein bisschen skypen bevor ich den ersten Schwung Fotos sichere und mein Harrods Abendessen schlemme. Ein wunderbarer Aufbruchstag mit herrlichem Wetter. Glücklich und geplättet schlafe ich sofort ein.



Boadicea and the London Eye
Houses of Parliament






St Paul's Church



Strand
St Paul's Cathedral

Tower Bridge gen Westen



Tower Bridge

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